Interview mit Ilse Dippmann

Dippmann_Ilse_PK080516

Mit 440 Läuferinnen haben Sie 1988 begonnen. Im letzten Jahr waren es 18.141 Mädchen und Frauen, die die Ziellinie überquerten. Was ist das für ein Gefühl?

Ein unglaubliches. Zwar hatte ich in gewisser Weise schon immer die Vision, dass der Österreichische dm Frauenlauf einmal solche Dimensionen annehmen könnte, doch den Eindruck, den man am Start bekommt, ist ein ganz anderer! Man spürt einfach, dass hinter jedem der über 18.000 Gesichter eine eigene Geschichte steht und das ist ein unbeschreibliches Gefühl!

 

 

Trotz des großen Erfolges ist der "Frauenlauf" international gesehen noch eine sehr junge Laufveranstaltung. Wie haben Sie die Laufwelt damals erlebt?

Die Zeiten waren einfach andere. Man muss sich einmal vorstellen, dass die Frauen erst 1984 den Marathon als olympische Disziplin laufen durften, damals in Los Angeles. Da steckte der Frauenlauf also wirklich noch in den Kinderschuhen. Heute wäre eine Szene, wie jene, wo Kathrine Switzer aus dem Läuferfeld des Boston Marathons 1967 vom Veranstalter gestoßen wird, kaum mehr vorstellbar. Aber es ist noch gar nicht lange her, dass es Frauen tatsächlich untersagt war, an Marathons teilzunehmen!Die Laufszene stand damals vor einem großen Wandel.

War der Österreichische Frauenlauf also Ihre Antwort auf die frauenlose Laufszene?

Das kann man so sagen. Bei meinem ersten Marathon in New York 1986 lernte ich die Frauenlauf-Idee erstmals kennen und war sofort begeistert. Denn, wie für mich, kann das Laufen für viele Mädchen und Frauen ein großer Schritt zu mehr Selbstachtung, einem gesteigertem Selbstwertgefühl und einem gesünderen aktiven Leben sein. Ein Jahr später fasste ich dann den Entschluss einen Frauenlauf in Österreich zu veranstalten. Viele Leute belächelten mich. Heute aber ist der Österreichische dm Frauenlauf die zweitgrößte Laufveranstaltung in Österreich und eine treibende Kraft in der Laufszene und nicht mehr wegzudenken.

Die Inspiration zum Österreichischen Frauenlauf hatten Sie von Kathrine Switzer. Was macht diese Frau so bedeutend?

Kathrine Switzer nahm als erste Frau 1967, damals verbotener Weise, an einem Marathon teil. Zu dem Zeitpunkt war es selbst für Experten undenkbar, dass Frauen so lange Distanzen überhaupt bewältigen können. Doch sie ließ sich von keinem Verbot aufhalten und kämpfte unbeirrt für die Teilnahme von Frauen an Marathons. 1974 gewann sie erstmals den New York Marathon und kann mittlerweile 35 Marathons auf ihrem Konto verbuchen. Im Zuge dessen organisierte sie als Erste in New York City einen Frauenlauf. Damit wurde sie zur Frauenlauf-Pionierin und mein Vorbild. 2005 durfte ich sie dann persönlich kennen lernen und ihr den Frauenlauf-Award überreichen. Sie ist wirklich eine beeindruckend starke Persönlichkeit, die zu Recht Auszeichnungen, wie "Läuferin des Jahrzehnts", bekam.


Dippmann Ilse FLT Prater 2008

Wie kamen Sie eigentlich zum Laufen, Frau Dippmann?

Ich hatte früher wenig für Sport übrig. Ich war starke Raucherin und statt Laufschuhen waren Highheels angesagt. Einige Jahre später hatte ich allerdings einen Freund, der Marathonläufer war und so lernte ich die Laufwelt näher kennen. 1986 betreute ich ihn zum ersten Mal beim Wienmarathon. Als wir am Abend nach dem Lauf mit seinen Laufkollegen in ein Lokal gingen, war ich völlig fertig - dabei bin ich nicht einmal einen Kilometer mitgelaufen! Alle anderen hingegen haben voller Energie gefeiert. In diesem Moment, habe ich mir selbst versprochen mit dem Laufen zu beginnen und noch im selben Jahr einen Marathon zu laufen. Im November bin ich schließlich wirklich in New York an den Start gegangen.

Sie laufen jetzt seit über 23 Jahren, was bedeutet Ihnen der Sport heute noch?

Immer noch enorm viel. Durch den Sport habe ich gelernt, Kraft zu schöpfen, in dem ich konsequent einen Plan verfolge, selbst wenn es hin und wieder Rückschläge zu verkraften gibt. Außerdem sehe ich mit Stolz auf meine Erfolge in den 23 laufenden Jahren zurück. Doch so ehrgeizig wie vor 15 Jahren - damals bin ich fünf Marathons im Jahr gelaufen, bin ich heute nicht mehr. Dafür habe ich auch einfach nicht mehr die Zeit. Ich laufe noch drei bis fünf Mal pro Woche.

Sie sind der Meinung, dass Laufen die perfekte Sportart für Frauen ist. Wieso?

Weil es die beste Art ist, jung zu bleiben und gleichzeitig Stress abzubauen. Nichts ist befreiender als sich durch die Natur zu bewegen, dabei Sauerstoff zu tanken, die Muskulatur zu trainieren und Zeit für sich selbst zu haben. Ich bin überzeugt davon, dass es viele Frauen gibt, die Laufen noch nie ausprobiert haben, dabei kann es das Leben mit Sicherheit bereichern.

Laufen kann man schließlich immer und überall, aber was soll die Läuferinnen zur Teilnahme an einer Laufveranstaltung wie dem Österreichischen dm Frauenlauf bewegen?

Ich weiß, wie hart es ist, sich immer wieder selbst zu motivieren. Aber wer ein Ziel hat, dem fällt die Überwindung leichter, regelmäßig zu trainieren. In dem Fall ist die Anmeldung zu einem Wettbewerb eine ideale Sache. Außerdem orientiert sich der Frauenlauf speziell an dem Bedürfnis der Frau "mit dabei zu sein". Das ist ein Ziel von vielen Frauen. Und gerade der Frauenlauf bietet überwindbare Strecken an, die sich für alle Läuferinnen eignen und aus jeder eine garantierte Siegerin machen. In dem Zusammenhang stehen auch die Frauenlauftreffs.

Was ist eigentlich ein Frauenlauftreff und was macht ihn so besonders?

Die Treffs haben die simple, aber wirkungsvolle Aufgabe, das Training etwas zu erleichtern und eine gewisse Regelmäßigkeit in den Laufalltag zu bringen. Außerdem fällt es leichter sich in der Gruppe zum Training zu motivieren. Man trifft sich, plaudert und trainiert. Der Grund warum ich die Lauftreffs 1997 ins Leben rief, war einfach jener, dass Einsteigerinnen in gemischten Lauftreffs selbst in der langsamsten Gruppe keine Chance hatten. Bei uns läuft das anders. Von der Einsteigerin bis zur leistungsorientierten Hobbyläuferin findet jede einen geeigneten Platz in einer Gruppe und bekommt die Möglichkeit mit ausgebildeten Laufinstruktorinnen gezielt zu trainieren - ohne Anmeldung und kostenlos.
Und mit unserem "Fit in 12 Wochen"- Programm geben wir jeder Frau das geeignete Instrument in die Hand, um alleine oder mit anderen mit dem Laufen zu beginnen.

Im Rahmen der Lauftreffs engagieren Sie sich besonders für die jüngeren Läuferinnen. Eigene Girlies Running Workouts wurden ins Leben gerufen. Warum?

Die Girlies liegen mit besonders am Herzen, weil ich sehe, dass sich die Jugend immer weniger bewegt. Junge Mädchen sind Sport gegenüber teilweise sehr negativ eingestellt. Ich möchte mit den Workouts dafür sorgen, dass sich die Mädchen zum Sport zusammen tun, so wie Buben Fußball spielen gehen. Spezielle Trainerinnen laufen mit den Girlies und neben dem Lauf ABC und Intervalltrainings ist Spiel und Spaß immer mit dabei. Den Mädchen soll schließlich nicht langweilig werden! Zudem sind diese Workouts wie die Frauenlauftreffs gratis.

Giries Helmut Trainig_Ödmfl09
ödmfl09_winken175_bearb

Im Zuge des Österreichischen dm Frauenlaufs haben Sie in den vergangenen Jahren den Österreichischen Frauenlauf Award vergeben. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Preisträgerinnen aus?

Den Award vergeben wir an mutige Frauen, die bereit sind, für ihre Ideale zu kämpfen. Dazu sind einige Beispiele aus den letzten Jahren zu nennen: 2004 zum Beispiel, war die Preisträgerin Waris Dirie. Die aus Somalia stammende UN-Sonderbotschafterin setzt sich seit über 15 Jahren gegen die Verstümmelung von Mädchen ein. Im Jahr 2005 verliehen wir Kathrine Switzer den Award, die sich seit Jahrzehnten für laufende Frauen stark macht, den ersten Frauenlauf ins Leben rief und dafür sorgte, dass Frauen auch beim Marathon an den Start gehen dürfen. 2006 bekam Tegla Loroupe den Award. Die Kenianerin ist nicht nur eine der schnellsten Frauen der Welt, sondern macht sich auch für den Frieden in Afrika stark, für die Armutsbekämpfung, Aidshilfe und Bildung. 2007 überreichten wir den Österreichischen Frauenlauf-Award Stella Deetjen, einer herausragende Frau, die sich für Straßenkinder und Leprabetroffene in Indien engagiert.

Frauenlauftreffs, Girlies Workout und Awards, woher nehmen Sie all diese Ideen?

Die meisten Ideen kommen mir, wenn ich laufen gehe. Ich habe einfach so riesigen Spaß daran, Frauen für das Laufen zu begeistern, dass täglich Ideen aus mir heraussprudeln. Nicht alle kann ich sofort umsetzen, das braucht Zeit.
Auch mein Partner, Andreas Schnabl, hat einen sehr großen Anteil an dem Frauenlauf, wie wir ihn heute kennen. Mit ihm ist der Frauenlauf von einer 700-Personen-Veranstaltung zu einem zweitägigen Event mit über 18.100 Teilnehmerinnen geworden. Ohne ihn wäre das nicht möglich gewesen. Wir sind füreinander Partner und Geschäftspartner und wenn wir gemeinsam laufen, kommen uns die besten Ideen!

2005 starteten beim Österreichischen dm Frauenlauf erstmals internationale Eliteläuferinnen. Warum ist das für den Lauf so wichtig?

Eine eigene Elite im Programm zu haben macht den Lauf natürlich sportlich gesehen viel interessanter. Zudem hat unsere nationale Elite so die Chance sich auch mit internationalen Größen des Laufsports zu messen und auch die Hobbyläuferinnen und jungen Mädchen können beim Frauenlauf damit ihre internationalen Vorbilder aus nächster Nähe beobachten und sogar mit ihnen im gleichen Wettbewerb starten.

Elite0205klein
Lauf00703

"Ein Traum - 20 Jahre - 68.651 Gewinnerinnen" war das Motto des Österreichischen dm Frauenlaufs 2007. Letztes Jahr konnten Sie wieder einen neuen Teilnehmerinnenrekord verbuchen. Was bedeutet das für Sie?

Es bedeutet eine Menge für mich! Zum einen, weil ich meinen Traum in die Tat umsetzen konnte, sehr viele Frauen für den Laufsport zu begeistern. Und zum anderen freut es mich natürlich, dass wir durch unsere Arbeit dazu beigetragen haben, den Frauenanteil bei Wettbewerben sukzessiv zu erhöhen. So waren 1988 beim Wienmarathon beispielsweise nur 4 Prozent der StarterInnen Frauen, im letzten Jahr waren es schon über 16 Prozent. Das allein ist ein Aushängeschild für unsere Arbeit und auch der Grund, warum wir Jahr für Jahr die Anstrengung auf uns nehmen, diesen Event möglich zu machen.
Dass wir in diesem Jahr nun unseren 23. Frauenlauf ausrichten, zeigt deutlich, wie wichtig der Sport für Frauen und wie hoch die Nachfrage nach Gemeinschaftsaktivitäten für diese geworden ist.

Wie sieht die Vorbereitung eines solchen Events aus?

Die Vorbereitungen laufen das ganze Jahr über und werden immer zeitintensiver. Aus dem Österreichischen Frauenlauf wurde nicht nur der Österreichische dm Frauenlauf, sondern auch ein Unternehmen. Da wir die Arbeit allein gar nicht mehr bewältigen können, haben wir mittlerweile 3 Mitarbeiterinnen. Vor 5 Jahren habe ich auch meinen Job aufgegeben und mich völlig dem Frauenlauf verschrieben. Eigentlich bin ich Lehrerin. Dass die Planung eines solchen Events so zeitaufwendig ist, können sich die meisten Leute gar nicht vorstellen. Wir wurden schon des Öfteren gefragt, was wir das ganze Jahr über tun, "nur" um ein Wochenende vorzubereiten. Aber es tröstet mich, dass es nicht nur uns so geht! Bei der Pressekonferenz des Chicago Marathons wurden nämlich die Organisatoren auch gefragt, warum die Vorbereitungen eigentlich so viel Zeit in Anspruch nehmen - und dieser Marathon gehört schließlich zu den größten der Welt.

Woher nehmen Sie die Kraft Jahr für Jahr den Österreichischen dm Frauenlauf auf die Beine zu stellen?

Zuallererst macht mich das Lob der Teilnehmerinnen sehr stark. Die Frauenpower am Start, die vielen strahlenden Gesichter der Mädchen und Frauen im Ziel zu sehen und der Spaß mit einem so tollen Team zu arbeiten, gibt mir jedes Jahr die Kraft wieder mit neuen Ideen an die Sache Österreichischer Frauenlauf heranzugehen. Die Gratulation von Frauenlauf-Pionierin Kathrine Switzer, das unser Lauf reif dafür sei, internationale Meisterschaften auf IAAF-Niveau, auszutragen, war großartig. Sie sorgte schließlich auch für das größte Kompliment, mit der Aussage, dass der Österreichische dm Frauenlauf einer der bedeutendsten Frauenläufe der Welt sei. So etwas macht mich natürlich besonders stolz. Auch als "Mocki" Siegerin des Elitelaufes 2008 nach dem Lauf bei der anschließenden Pressekonferenz erklärte, "Der Österreichische dm Frauenlauf ist der schönste der Welt", ist eine große Auszeichnung. Ein weiteres Highlight war das Elite-Starterinnenfeld 2009, welches von den Spitzenathletinnen Benita Johnson und Jelena Prokopcuka angeführt wurde.

Start114

Welche sind Ihre eindrucksvollsten Erlebnisse rund um den Österreichischer dm Frauenlauf?

Wo soll ich da anfangen?! Natürlich machen mich die Teilnehmerinnenrekorde der letzten Jahre sehr stolz. 18.141 Frauen und Mädchen auf der Hauptallee knapp vor dem Start stehen zu sehen und zu fühlen, dass es sich wieder einmal gelohnt hat so viel zu arbeiten.
Frauenlauf-Pionieren Kathrine Switzer persönlich kennen zu lernen war sicher eines der Highlights für mich. Sie trug 2005 beim Rennen die Nummer 10.000, weil wir erstmals über 10.000 Starterinnen hatten. Bei der anschließenden Award-Verleihung gab es dann Standing Ovations, das war sehr bewegend.
Der Erfolg, bei Krone und Kurier auf die Titelseite zu kommen war auch super. So viel Aufmerksamkeit für den Frauenlauf zu bekommen ist großartig!
Auch die Verleihung des Sportehrenzeichens der Stadt Wien war für mich ein schönes Erlebnis. Eine große Ehre war es auch, beim 20. Österreichischen dm Frauenlauf 2007 von Frauenministerin Doris Bures das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich vor 10.000 Frauen überreicht zu bekommen.
2008 hatten wir schließlich das erste Mal eine 20minütige Zusammenfassung in ORF1 mit über 170.000 Zusehern!
Seit Jänner 2010 sind wir nun auch auf dem Online-Community-Portal "Facebook" vertreten. Innerhalb von nur 10 Tagen konnten wir 1.000 Fans erreichen. Solch ein Zustrom ist schon sehr beeindruckend!

Wie sehen Sie den Österreichischen dm Frauenlauf in Zukunft?

Einerseits ganz entspannt. Ich mache mir keinen Druck, neue Teilnehmerinnenrekorde zu brechen. Ich bin davon überzeugt, dass in Zukunft immer mehr Frauen zum Laufen finden werden, wenn wir nur so weitermachen und den Frauenlauf als Fest der Familie in der Form beibehalten. Ein Teilnehmerinnenlimit habe ich mir nicht gesetzt. Jede die möchte, darf teilnehmen - auch wenn es dann 20.000 Frauen sind. Je mehr desto besser!

ZIEL00363
WINKEN179

Postfach 17, 1031 Wien, office@oesterreichischerdmfrauenlauf.at